Presse-Info 031 / 2010 : "Hände weg von Kindern, Jugendlichen und Familien, Herr Oberbürgermeister!"
Offener Brief der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände an den Oberbürgermeister der Stadt Duisburg
Sehr geehrter Herr
Oberbürgermeister,
Duisburg muss sparen. Angesichts dieser von niemandem zu bestreitenden Tatsache
hat die Stadtverwaltung unter Ihrer Führung den politischen Gremien ein
Haushaltssicherungskonzept zur Beratung vorgelegt, das gravierende Einschnitte
in allen Bereichen des kommunalen Handelns vorsieht.
Wie dramatisch die Lage der Stadt ist, lässt sich daran ablesen, dass selbst dieses
Sparpaket bei weitem nicht zu einer wirklichen Konsolidierung der
Kommunalfinanzen ausreicht. Sogar ein noch viel umfänglicheres Paket würde das
nicht tun.
Daran wird sichtbar, dass „das Sparen“ an sich kein Selbstzweck ist. Sinnvoll
ist es immer, auch bei noch so bedrohlicher Haushaltslage, nur im Zusammenhang
der Frage danach, wie die Stadt zum Wohl der in ihr lebenden Menschen
handlungsfähig sein und bleiben kann. Damit aber ergibt sich die
Schlussfolgerung, dass das Sparen zwingend verbunden ist mit der Frage, für wen
und an wem gespart wird.
Nicht einzelne Interessengruppen, sondern alle Bürgerinnen und Bürger haben
ausnahmslos das grundlegende Recht, in ihrer Stadt gern zu leben. Deshalb ist
es die wichtigste Aufgabe der Politik und der Verwaltung, Hoffnung,
Perspektiven und Entwicklungschancen zu schaffen.
Wenn dies gilt und zugleich der Zwang zum Sparen in praktische Maßnahmen
umgesetzt werden muss, hilft die im Grundsatz richtige Feststellung, dass alle
kommunalen Aufgabenfelder wichtig sind und nicht gegeneinander ausgespielt
werden dürfen, nicht mehr weiter. Es geht nicht ohne klare Prioritätensetzung.
Für die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege hat dabei die oberste Priorität
das Ergehen der nachwachsenden Generation in unserer Stadt. Sie muss in der
Zukunft geradestehen für das, was heute von uns entschieden wird. Deshalb sind
nach Auffassung der Verbände die kommunalen Leistungen im gesamten
Handlungsfeld von der frühkindlichen Förderung und Betreuung über die
schulische und außerschulische Bildung sowie die Leistungen der Jugendhilfe bis
hin zu Berufsvorbereitungs- und Berufsausbildungsmaßnahmen für ein notwendiges
Haushaltssicherungskonzept tabu.
Die Verbände fordern also kurz und bündig: Hände weg von Kindern,
Jugendlichen und Familien.
Angesichts der hohen Dauererwerbslosigkeit, des hohen Armutsrisikos und der
ungelösten Fragen von Zuwanderung und Abwanderung in unserer Stadt gehen die
Verbände sogar davon aus, dass in die Chancen der nachwachsenden Generation auf
gesellschaftliche Teilhabe und selbstbestimmtes Leben künftig sogar noch
deutlich mehr investiert werden muss als heute. Dies zu verkennen würde nur
bedeuten, nicht erst übermorgen, sondern schon morgen Folgekosten zu
produzieren, unter denen die kommunale Finanzlage nochmals gravierender werden
würde als sie ohnehin schon ist.
Deshalb ist es unter der Überschrift Haushaltssicherung auch keineswegs mit dem
Sparen allein getan. Die Stadt muss deutlich mehr als bisher alle Anstrengungen
unternehmen, um ihre Einnahmesituation zu verbessern. Das geht nur, wenn
sämtliche vorhandenen Instrumente zur Schaffung sozialversicherungspflichtiger
Beschäftigungsverhältnisse auf dem Ersten wie auf dem Zweiten Arbeitsmarkt
eingesetzt werden. Die dazu erforderlichen Initiativen, Maßnahmen und Investitionen
sind unverzichtbarer Teil einer wirklich nachhaltigen Haushaltssicherung.
Um die Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit der Stadt finanziell und
konzeptionell zu erhalten und wiederzugewinnen, muss jede einzelne Bürgerin und
jeder einzelne Bürger einen Beitrag leisten. Das können am besten solche, die
Arbeit haben und die hier bleiben, weil die Stadt, in der sie leben und
arbeiten, attraktiv für sie ist.
Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege sind davon überzeugt, in diesen
wesentlichen Zielsetzungen mit Ihnen, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
einig zu sein. Die Verbände glauben aber, dass eben um dieser Zielsetzungen
willen das vorgelegte Haushaltssicherungskonzept in Richtung der hier
vorgetragenen Grundsätze überarbeitetet werden muss. Die Verbände werden in
diesem Sinne das Gespräch mit den Ratsfraktionen suchen.
Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen
Kocar
Caritasdirektor in
Duisburg
Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der
Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in Duisburg
