Diözesan-Caritasverband Essen, 09.03.2010

Presse-Info 046 / 2010 : Irak: Dem Tod knapp entronnen - Christen aus Mossul massenweise auf der Flucht

Caritas im Ruhrbistum konnte sofort Hilfe leisten

Essen/Erbil/Mossul (cde) - Malerisch liegt es da, das 1400 Jahre alte Kloster Alqosh, 20 Autominuten nördlich von Mossul, aber auf sicherem kurdischem Gebiet. Wie angeklebt liegt das Kloster an einem Felsmassiv, ist ein beliebter Ausflugsort. Unterhalb haben die Mönche des chaldäischen Ordens vom hl. Antonius vor Jahrzehnten ein neues Kloster gebaut, gut erreichbar. Daneben ein Waisenhaus, 1949 erbaut, bewohnt von 26 Jungen zwischen von 6 und 16 Jahren, teilweise Kriegswaisen.
Der Gästetrakt des Klosters ist gut gefüllt, nicht aber mit Menschen, die Exerzitien machen wollen, sondern mit Menschen, die froh sind, dass sie noch ihr Leben besitzen. Mehr konnten sie nicht retten bei ihrer überstürzten Flucht aus Mossul in der vorletzten Februarwoche. Es sind Christen, Chaldäer, 39 Familien, die sich in das sichere Kloster gerettet haben, um - wie sie es formulierten - dem Tod zu entrinnen. Auch am Sonntag, dem 28. Februar, flohen noch einmal 250 Christen aus Mossul.

Rudi Löffelsend, langjähriger Auslandschef der Caritas im Ruhrbistum hat sie besucht, um zu helfen. In Erbil, der größten Stadt der autonomen Republik Kurdistan, war er mit einer kleinen Delegation der Caritas Essen, der Diakonie Köln und Journalisten unterwegs, blieb länger als geplant, um die Situation vor Ort zu recherchieren.
Pater Gabriel Tomaa, Generaloberer des Ordens, erläuterte die aktuelle Situation: Sieben tote Christen in einer Woche in Mossul, Angst und Schrecken bei den übrigen Christen. Die Al Qaida ist dort stark, der Schutz durch die Regierung schwach. Am 7. März waren Wahlen im Irak, viele hoffen, dass es danach besser wird.

Die Menschen machen einen verängstigten Eindruck, sind aber dankbar, erst einmal „untergekommen“ zu sein. Sie haben sich organisiert, haben einen Sprecher gewählt, der vieles regelt mit Pater Gabriel, auch die Verteilung der bislang spärlich eingegangenen Hilfsgüter wie zum Beispiel Matratzen. Sie würden gerne zurück, haben ja ihre Häuser, ihre Geschäfte, Werkstätten, alles zurückgelassen. Kaum einer möchte ins Ausland, aber die Angst vor der Zukunft ihrer Kinder zwingt sie oft dazu.
Als Soforthilfe gibt es für die Familien 10.000 irakische Dinar, rund 100 Dollar, bar auf die Hand und 1.500.000 Dinar für das Kinderheim. Es ist nicht viel, aber die Freude ist groß. „Sagen Sie der Welt, was hier passiert“, bittet eine 26jährige Studentin, deren Mann bei der Caritas in Mossul gearbeitet hat, bevor diese zwangsweise ihre Arbeit einstellen musste.
Der Bischof von Amadiyah, Rabban Al-Qas, berichtet von zarten Erfolgen bei der Ansiedlung von Flüchtlingen aus Bagdad, die in einem Dorf im Norden jetzt mit Hilfe der Caritas Essen Schafe züchten, Kühe, Bienen und Obstanbau betreiben. Alles nicht viel, aber ein Anfang eben. Dieses Projekt wurde 2009 angestoßen, finanziert aus Mitteln der Deichmann Stiftung.

Auf der Hinreise treffen wir auf dem Flughafen in Wien zufällig den Erzbischof von Kirkuk, Louis Sako. Wir können kurz mit ihm sprechen, wollen ihn in Kirkuk besuchen. Doch diese Stadt liegt außerhalb der autonomen Region Kurdistan, dazu braucht man ein Visum. Da die Wahlen anstehen, sind die Kontrollen stärker und die Gefahr größer, verhaftet zu werden. Alle Sicherheitsleute raten uns von dieser Reise ab. Aber schon das kurze Gespräch mit dem Erzbischof bringt einige Erkenntnisse. Erzbischof Sako appelliert an die Christen im Irak, trotz der Gefahren das Land nicht zu verlassen. „Wir sind Iraker und wollen die Zukunft gemeinsam mit Arabern, Kurden, Moslems und allen anderen Menschen hier gemeinsam gestalten“.

Und es gibt zunehmend Iraker - im Moment vorwiegend Moslems - die wieder zurück wollen, in Deutschland nicht klarkommen. Hier hilft die Caritas im Ruhrbistum mit Beratung und Begleitung, eröffnet jetzt ein Beratungsbüro in Erbil. Aber Rudi Löffelsend formuliert es drastisch: „Es ist ein Skandal, dass keine große internationale Organisation im Nordirak zu finden ist, die sich der `Binnenflüchtlinge` annimmt, Ihnen hilft, im Land zu bleiben, der Regierung hilft, wie das geht!“. Er verweist auf die Flüchtlinge im Kloster Alqosh, die lieber bleiben würden als gehen, wenn sie Hilfe bekämen, ihr Leben neu zu beginnen. R.L.