Presse-Info 046 / 2010 : Irak: Dem Tod knapp entronnen - Christen aus Mossul massenweise auf der Flucht
Caritas im Ruhrbistum konnte sofort Hilfe leisten
Essen/Erbil/Mossul
(cde)
- Malerisch
liegt es da, das 1400 Jahre alte Kloster Alqosh, 20 Autominuten nördlich von
Mossul, aber auf sicherem kurdischem Gebiet. Wie angeklebt liegt das Kloster an
einem Felsmassiv, ist ein beliebter Ausflugsort. Unterhalb haben die Mönche des
chaldäischen Ordens vom hl. Antonius vor Jahrzehnten ein neues Kloster gebaut,
gut erreichbar. Daneben ein Waisenhaus, 1949 erbaut, bewohnt von 26 Jungen
zwischen von 6 und 16 Jahren, teilweise Kriegswaisen.
Der Gästetrakt des Klosters ist gut gefüllt, nicht aber mit Menschen, die
Exerzitien machen wollen, sondern mit Menschen, die froh sind, dass sie noch
ihr Leben besitzen. Mehr konnten sie nicht retten bei ihrer überstürzten Flucht
aus Mossul in der vorletzten Februarwoche. Es sind Christen, Chaldäer, 39
Familien, die sich in das sichere Kloster gerettet haben, um - wie sie es
formulierten - dem Tod zu entrinnen. Auch am Sonntag, dem 28. Februar, flohen
noch einmal 250 Christen aus Mossul.
Rudi Löffelsend, langjähriger Auslandschef der Caritas im Ruhrbistum hat sie
besucht, um zu helfen. In Erbil, der größten Stadt der autonomen Republik
Kurdistan, war er mit einer kleinen Delegation der Caritas Essen, der Diakonie
Köln und Journalisten unterwegs, blieb länger als geplant, um die Situation vor
Ort zu recherchieren.
Pater Gabriel Tomaa, Generaloberer des Ordens, erläuterte die aktuelle
Situation: Sieben tote Christen in einer Woche in Mossul, Angst und Schrecken
bei den übrigen Christen. Die Al Qaida ist dort stark, der Schutz durch die
Regierung schwach. Am 7. März waren Wahlen im Irak, viele hoffen, dass es
danach besser wird.
Die Menschen machen einen verängstigten Eindruck, sind aber dankbar, erst
einmal „untergekommen“ zu sein. Sie haben sich organisiert, haben einen
Sprecher gewählt, der vieles regelt mit Pater Gabriel, auch die Verteilung der
bislang spärlich eingegangenen Hilfsgüter wie zum Beispiel Matratzen. Sie
würden gerne zurück, haben ja ihre Häuser, ihre Geschäfte, Werkstätten, alles
zurückgelassen. Kaum einer möchte ins Ausland, aber die Angst vor der Zukunft
ihrer Kinder zwingt sie oft dazu.
Als Soforthilfe gibt es für die Familien 10.000 irakische Dinar, rund 100
Dollar, bar auf die Hand und 1.500.000 Dinar für das Kinderheim. Es ist nicht
viel, aber die Freude ist groß. „Sagen Sie der Welt, was hier passiert“, bittet
eine 26jährige Studentin, deren Mann bei
der
Caritas in Mossul gearbeitet hat, bevor diese zwangsweise ihre Arbeit
einstellen musste.
Der Bischof von Amadiyah, Rabban Al-Qas, berichtet von zarten Erfolgen
bei der Ansiedlung von Flüchtlingen aus Bagdad, die in einem Dorf im Norden
jetzt mit Hilfe der Caritas Essen Schafe züchten, Kühe, Bienen und Obstanbau
betreiben. Alles nicht viel, aber ein Anfang eben. Dieses Projekt wurde 2009 angestoßen,
finanziert aus Mitteln der Deichmann Stiftung.
Auf der Hinreise treffen wir auf dem Flughafen in Wien zufällig den Erzbischof
von Kirkuk, Louis Sako. Wir können kurz mit ihm sprechen, wollen ihn in Kirkuk
besuchen. Doch diese Stadt liegt außerhalb der autonomen Region Kurdistan, dazu
braucht man ein Visum. Da die Wahlen anstehen, sind die Kontrollen stärker und
die Gefahr größer, verhaftet zu werden. Alle Sicherheitsleute raten uns von
dieser Reise ab. Aber schon das kurze Gespräch mit dem Erzbischof bringt einige
Erkenntnisse. Erzbischof Sako appelliert an die Christen im Irak, trotz der
Gefahren das Land nicht zu verlassen. „Wir sind Iraker und wollen die Zukunft
gemeinsam mit Arabern, Kurden, Moslems und allen anderen Menschen hier
gemeinsam gestalten“.
Und es gibt zunehmend Iraker - im Moment vorwiegend Moslems - die wieder zurück
wollen, in Deutschland nicht klarkommen. Hier hilft die Caritas im Ruhrbistum
mit Beratung und Begleitung, eröffnet jetzt ein Beratungsbüro in Erbil. Aber
Rudi Löffelsend formuliert es drastisch: „Es ist ein Skandal, dass keine große
internationale Organisation im Nordirak zu finden ist, die sich der
`Binnenflüchtlinge` annimmt, Ihnen hilft, im Land zu bleiben, der Regierung
hilft, wie das geht!“. Er verweist auf die Flüchtlinge im Kloster Alqosh, die
lieber bleiben würden als gehen, wenn sie Hilfe bekämen, ihr Leben neu zu
beginnen. R.L.
