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Stand: 29.07.2019

Reportage

Flüchtlingshilfe

„Auf unserer Insel fallen Dunkelhäutige auf“

April 2015: Hunderte von Toten sterben bei Flüchtlingsdramen im Mittelmeer. Ein Pfarrer in Duisburg-Walsum wird bedroht, weil er sich für Gestrandete und bedrohte Menschen einsetzt. April 2015: In der Essener Flüchtlingsunterkunft Worringstraße setzen sich Ehrenamtliche nicht nur für die dort lebenden Menschen ein, mit ihrer täglichen Arbeit verändern evangelische und katholische Christen die Sicht der Menschen in ihrem Stadtteil. Nicht nur deswegen hat die Caritas im Ruhrbistum die Initiative mit dem Sozialpreis ausgezeichnet. Ein Bericht.

Kinder des Übergangswohnheims mit selbst bemalten PlankenIm Übergangswohnheim an der Worringstraße leben Kinder aus vielen Nationen.privat

Essen-Ruhrhalbinsel (cde) Simone Maahs-Mertes steht am Rande eines Bolzplatzes. Zufrieden beobachtet sie das lebhafte Spiel von ein paar Kindern. "Für sie sind Fußballspielen oder Schlittschuhlaufen oder Basteln entscheidend wichtig. Gerade Jugendlichen fällt im Übergangsheim unter 160 Menschen sonst die Decke auf den Kopf." Heranwachsende müssten sich austoben, auch mal Schreien, Spielen oder das Leben "da draußen" erleben, meint sie. Maahs-Merte ist eine von drei Sprecherinnen der ökumenischen Initiative für Flüchtlinge an der  Unterkunft in der Burgaltendorfer Worringstraße. Während viele über Flüchtlinge sprechen, helfen sie schon seit Monaten Zuwanderern.

"Bei uns leben meist Mazedonier, Serben, Menschen aus dem Kosovo, vereinzelt auch Afrikaner oder Flüchtlinge aus Syrien", berichtet Maahs-Mertes. "Auf unserer Insel", sagen die Katholikin und Sandra Dündar von der evangelischen Gemeinde, "fallen solche Menschen auf. Dunkelhäutige gibt es hier eigentlich nicht, in Burgaltendorf leben auch kaum Muslime. Wer anders spricht, der kann schnell Gesprächsthema im Dorf sein." Die beiden Frauen sowie Christiane Struzek vom Leitungsteam der Ehrenamts-Initiative wollen in dieser Situation Begegnungen ermöglichen. Und das gelingt seit Herbst 2013 vorbildlich. Die Caritas-Stiftung im Bistum Essen zeichnete die Flüchtlingshelfer aus dem "Ruhrinseldorf" mit dem Sozialpreis aus.

Auch deswegen, weil die Burgaltendorfer Christinnen und Christen schon im Herbst 2013 anpackten, als es deutschlandweit angesichts des großen Flüchtlingsstroms zu fast täglichen Medienberichten und den Diskussionen um das geplante Duisburger Flüchtlingszeltlager auf einem Matschplatz kam. "Wir hatten hier andere Diskussionen - und Arbeit abseits der Planungen für die überall dringend benötigten Quartiere", sagt Dündar aus dem rund 10.000 Einwohner zählenden Burgaltendorf. Ein halbes Jahr nach Gründung des Helferkreises plädierte sie im Gemeindebrief für einen gerechten, differenzierten Blick auf die Lebenssituation der Menschen an der Worringstraße. "Hier sind viele Kinder. Die meisten Familien sind ohne Hab und Gut gekommen." So mangele es oft an warmer Kleidung und Vielem mehr.

Dann spricht die Helferin Probleme an, die überall diskutiert werden. "Nicht nur die Hilfsbedürftigkeit der Asylsuchenden hat für Schlagzeilen gesorgt, sondern vielmehr kriminelle Aktivitäten." Vermehrte Diebstähle waren teilweise auch auf Bewohner des Übergangswohnheimes zurückzuführen. Dündar analysierte und zieht Bilanz: "Es wäre eine fatale Fehleinschätzung, die Bewohner der Worringstraße als kriminell zu stigmatisieren." Die breite Mehrheit der Menschen im Übergangswohnheim sei durch gesetzwidrige Aktionen einer Minderheit verängstigt. "Sie schämen sich für kriminelle Rücksichtlosigkeit und grenzen sich bewusst von ihren Mitbewohnern ab", so Dündar.

Priesterstudent unterstützt die Arbeit

Ein Jahr später sind die Flüchtlinge und die Burgaltendorfer ein Stück näher zusammen gerückt - nicht zuletzt durch den ehrenamtlichen Einsatz. Wie? Das Helferteam, mittlerweile im "Dorf" bekannt,  berichtete einfach von seiner Arbeit. Etwa aus dem 14-tägigen "Café vor Ort" oder dem ehrenamtlich organisierten Sprachkurs. Maahs-Mertes: "Ich habe vom Fußballspiel mit 26 Kids auf dem Herz-Jesu-Bolzplatz erzählt." Neun- bis zwölfjährige Flüchtlinge rannten mit einem Priesteramtskandidaten und der jungen Buchhalterin hinter dem Leder her. Am Ende konnten viele Kinder nicht mehr laufen. "Viele sind schlichtweg ausgehungert. Familien fehlt am Monatsende das Geld", so Maahs-Mertes. Eltern falle es schwer, das eh schon knappe Budget einzuteilen. "Wir sind losgezogen und haben Brötchen geholt und geschmiert."

Nicht nur die Burgaltendorfer erfahren so mehr über die neuen Nachbarn. Vor allem die Ehrenamtlichen

 (v.l.n.r.) Christiane Struzek, Simone Maahs-Mertes und Sandra Dündar vor dem Übergangswohnheim WorringstraßeDas Sprecherinnen-Team der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe: (v.l.n.r.) Christiane Struzek, Simone Maahs-Mertes und Sandra Dündar vor dem Übergangswohnheim Worringstraßeprivat

beschäftigen sich mit Fluchtgründen und den Perspektiven der Menschen. "Viele kommen wirklich aus wirtschaftlicher Not zu uns", sagt Simone Maas-Mertes. Erzieherin Christiane Struzek, die in der Woche sowohl Hausaufgabenbetreuung, einen Spielenachmittag wie Bastelangebote anbietet, berichtet: "Uns wird immer mehr bewusst, wie viel Traurigkeit, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit sich bei unseren Gästen breit macht. Weil niemand einer geregelten Arbeit nachgehen darf, es keine Freizeitmöglichkeiten gibt und auch Geld für Aktivitäten außerhalb des Übergangswohnheimes fehlt. Das trägt nicht zur Verbesserung der Lebensumstände bei."

Helfende Hände statt Broschüren

Die Sicht der Helfenden auf die Menschen, die sie betreuen, hat sich verändert. Sie haben miterlebt, wie Familien nach einigen Monaten zurück in ihre Heimat gehen müssen. Beispielsweise in den Kosovo oder nach Albanien wo die wirtschaftliche Situation so schlecht ist wie der Arbeitsmarkt. "Wir sind warm geworden mit unseren Gästen und haben dann viele wieder gehen sehen", sagt Maahs-Mertes eher leise. "Vor allem die Kinder tun uns leid. Sie kommen in ein fremdes Land und gehen in eine ungewisse Zukunft zurück." Die Frauen und Männer von Burgaltendorf sind weit entfernt davon, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Gegenteil. Sie suchen Mitstreiter: "Wir brauchen viel mehr helfende Hände. Und Zuhörer, die sich ganz auf die Geflohenen einlassen." (Ulrich Wilmes / mik)

Interessierte können sich an Simone Maahs-Mertes wenden: E-Mail, Tel. 0201 / 572707

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