Krisenvorsorge wird häufig vor allem technisch gedacht: Es geht um Sirenen, Notstrom, Warn-Apps, Vorräte oder Cybersicherheit. Doch ob eine Gesellschaft Krisen tatsächlich bewältigen kann, entscheidet sich auch daran, ob Menschen und soziale Einrichtungen handlungsfähig bleiben. Die neue Ausgabe der Zeitschrift "caritas in NRW" widmet sich deshalb der sozialen Seite von Krisenvorsorge und fordert eine stärkere Einbindung der Freien Wohlfahrtspflege in den Katastrophenschutz.
Stefanie Siebelhoff, Diözesan-Caritasdirektorin für das Bistum Essen, für die Caritas in NRW verantwortlich für das Thema Krisenresilienz und nationale KatastrophenhilfeNicole Cronauge | Caritas Essen
Unter dem Titel "Resilienz entsteht aus Beziehungen" beschreibt Stefanie Siebelhoff, Diözesan-Caritasdirektorin für das Bistum Essen und in der Caritas in NRW für das Thema Krisenresilienz und nationale Katastrophenhilfe verantwortlich, warum technische Vorsorge allein nicht ausreicht. "Wer ist noch da, wenn die Einsatzkräfte abgerückt sind?", fragt sie.
Allein die Caritas hält in Nordrhein-Westfalen rund 8.200 Dienste und Einrichtungen mit etwa 300.000 Beschäftigten und geschätzt 150.000 ehrenamtlich Engagierten vor. Sie kennt die Menschen vor Ort, insbesondere diejenigen, die in Krisen besonders gefährdet sind. Trotzdem ist ihre Rolle im Katastrophenschutz bislang nicht verbindlich geregelt.
Entscheidend für die Krisenfähigkeit eines Gemeinwesens seien nicht allein technische Ausstattung und Notfallpläne, sondern auch Koordination, Vernetzung und verlässliche soziale Strukturen. "Wer sie aufbauen will, muss in das investieren, was sich in Beschaffungslisten schlecht abbilden lässt: in Koordination, Vernetzung, Beziehungsarbeit und in die Verlässlichkeit von Organisationen, die über Jahre am selben Ort bleiben."
Wohlfahrtspflege muss Teil der Krisenplanung sein
Die Caritas fordert deshalb, soziale Infrastrukturträger systematisch in die kommunale Krisenplanung einzubeziehen. Sie sollten an Risikoanalysen und Vorsorgeplanungen beteiligt und in Krisenstäben vertreten sein. Die örtlichen Caritasverbände könnten dabei als Schnittstelle auf Ebene der Kreise und kreisfreien Städte fungieren, die Diözesan-Caritasverbände als Ansprechpartner auf Landesebene.
Besondere Aufmerksamkeit müsse zudem dem Schutz vulnerabler Gruppen gelten. Ältere Menschen und Menschen mit Behinderung benötigten eigene Schutzkonzepte, barrierefreie Evakuierungswege und verständliche Warnungen. Auch Menschen, die kein Deutsch sprechen oder digitale Warnsysteme nicht nutzen können, müssten erreicht werden.
Krisenvorsorge braucht verlässliche Finanzierung
Die Erfahrungen aus der Flutkatastrophe von 2021 zeigen nach Auffassung der Caritas, wie wichtig die soziale Infrastruktur auch nach einer akuten Gefahrenlage ist. Während Feuerwehren und andere Einsatzkräfte zunächst Menschen retten und unmittelbare Gefahren abwehren, übernehmen Wohlfahrtsverbände anschließend vielfach die längerfristige Unterstützung: von der psychosozialen Beratung über die Vermittlung von Hilfen bis zur Begleitung beim Wiederaufbau. Teile dieser Arbeit wirken noch Jahre später nach.
Die Caritas fordert zugleich, die eigenen Einrichtungen und Dienste krisenfest zu machen. Dafür brauche es Standards, Übungen und eine verlässliche Refinanzierung der notwendigen Konzept- und Vorbereitungsarbeit.
Die neue Ausgabe von "caritas in NRW" zeigt damit, dass Resilienz nicht erst in der Krise entsteht. Sie wächst in den Beziehungen, Netzwerken und Strukturen, die bereits vorher vorhanden sind. "Die soziale Infrastruktur hat sich als verlässlicher Partner erwiesen", schreibt Siebelhoff. "Doch Verlässlichkeit allein genügt nicht mehr."
Die neue Ausgabe der Caritas in NRW erscheint in diesen Tagen und ist online unter www.caritas-nrw.de verfügbar.