Mit scharfen Worten kritisiert die Caritas in Nordrhein-Westfalen die geplante Streichung der Bundesmittel für die unabhängige Asylverfahrensberatung ab 2027. Nach Mitteilung des Bundesministeriums des Innern soll das erst 2023 eingeführte und gesetzlich verankerte Beratungsangebot künftig nicht mehr finanziert werden. Damit droht in NRW das Aus einer zentralen Struktur für faire und effiziente Asylverfahren - mit gravierenden Folgen für Schutzsuchende, Behörden und Kommunen.
„Die geplante Streichung ist integrations- und rechtsstaatspolitisch ein fatales Signal“, erklärt Siebelhoff, Diözesan-Caritasdirektorin im Bistum EssenNicole Cronauge | Caritas Essen
Die unabhängige Beratung ermöglicht es Geflüchteten, das Asylverfahren zu verstehen und ihre Schutzgründe rechtzeitig und strukturiert vorzubringen. Sie ist Bestandteil des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) und gesetzlich verankert. "Diese Beratung trägt nachweislich dazu bei, Fehlentscheidungen zu vermeiden, Verfahren zu beschleunigen und die Akzeptanz staatlicher Entscheidungen zu stärken", sagt Stefanie Siebelhoff für die Caritas in NRW. Besonders vulnerable Gruppen wie traumatisierte Menschen, Opfer sexualisierter Gewalt oder queere Geflüchtete können durch qualifizierte Beratung frühzeitig identifiziert und angemessen unterstützt werden.
Längere Verfahren, höhere Folgekosten
"Die geplante Streichung ist integrations- und rechtsstaatspolitisch ein fatales Signal", erklärt Siebelhoff, die Diözesan-Caritasdirektorin im Bistum Essen ist. "Wer Menschen im Asylverfahren die unabhängige Beratung entzieht, riskiert mehr Fehlentscheidungen, längere Verfahren und höhere Folgekosten. Gerade jetzt, wo Asylverfahren weiter verschärft werden, ist professionelle Beratung unverzichtbar."
Die Entscheidung des Innenministeriums stützt sich offenbar auf eine Evaluation der Forschungsstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, deren Ergebnisse bislang weder veröffentlicht noch den Trägern der Asylverfahrensberatung zugänglich gemacht wurden. Damit droht eine in kurzer Zeit aufgebaute bundesweite Infrastruktur zu zerbrechen, ohne dass eine offene und faktenbasierte politische Debatte geführt wird.
NRW-Beratungsangebote vor dem endgültigen Aus
Besonders bitter ist die Situation in Nordrhein-Westfalen: Hier hatte sich das Land bereits 2025 mit Verweis auf die Bundesförderung schrittweise aus der Finanzierung zurückgezogen. Sollte der Bund seine Mittel tatsächlich vollständig streichen, stünden viele Beratungsangebote vor dem endgültigen Aus.
Die Caritas in NRW fordert daher Bund und Land auf, die Finanzierung der behördenunabhängigen Asylverfahrensberatung im Bundeshaushalt 2027 verlässlich sicherzustellen und die bestehenden Strukturen zu erhalten. "Diese Beratung stabilisiert das Zusammenleben vor Ort, entlastet Kommunen und stärkt die Rechtsstaatlichkeit. Sie ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Asylsystem", so Siebelhoff.
Hintergrund: Seit 2023 wurde die unabhängige Asylverfahrensberatung bundesweit an rund 225 Standorten aufgebaut und erreichte bereits 2024 mehr als ein Viertel aller Schutzsuchenden. Erfahrungsberichte zeigen, dass qualifizierte Beratung die Entscheidungsqualität verbessert, aussichtslose Klagen reduziert und Integrationsprozesse beschleunigt.