Die Caritas in Nordrhein-Westfalen fordert einen grundlegenden Perspektivwechsel in der Migrationspolitik. Migration dürfe nicht vor allem danach bewertet werden, welchen Beitrag Menschen zum Arbeitsmarkt leisten können. Im Mittelpunkt müssten die Menschenwürde, die individuellen Rechte und die gesellschaftliche Teilhabe jedes einzelnen Menschen stehen. Das betonte Stefanie Siebelhoff, Sprecherin der Caritas in NRW für das Arbeitsfeld "Migration und Integration", zum Auftakt des heutigen Fachtags Migration in Köln unter dem Titel "Mehr als Fachkräfte: Was stärkt Menschen auf ihrem Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe?"
"Menschen sind mehr als ihre Arbeitskraft", sagte Siebelhoff, die Diözesan-Caritasdirektorin für das Bistum Essen ist. "In der politischen und öffentlichen Debatte erleben wir zunehmend eine Logik: Wer gebraucht wird, ist willkommen; wer vermeintlich nützlich für den Arbeitsmarkt ist, wird integriert. Diese Perspektive greift zu kurz. Menschen kommen nicht als Arbeitskräfte zu uns, sondern mit eigenen Biografien, Bedürfnissen und Rechten."
Die Caritas setze dieser ökonomischen Betrachtung eine menschenrechtsorientierte Perspektive entgegen. Der Zugang zu Sprache, Bildung, Beratung und Unterstützung dürfe nicht davon abhängig gemacht werden, ob ein Mensch unmittelbar dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe. "Menschen haben Anspruch auf Teilhabe, weil sie Menschen sind - nicht, weil sie wirtschaftlich verwertbar sind. Das ist der Unterschied zwischen einer Politik der Verwertung und einer Politik der Würde", so Siebelhoff.
Teilhabe beginnt mit Anerkennung
Die Caritas betont zugleich die zentrale Bedeutung von Arbeit für ein selbstbestimmtes Leben. Beschäftigung, ein eigenes Einkommen und die Anerkennung beruflicher Qualifikationen seien wichtige Voraussetzungen für soziale Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung. Doch für viele Menschen mit Migrationsgeschichte sei der Zugang zum Arbeitsmarkt noch immer mit erheblichen Hürden verbunden.
Dazu gehörten langwierige Anerkennungsverfahren, rechtliche Unsicherheiten, strukturelle Benachteiligungen und Diskriminierung bei Bewerbungen. "Das sind keine Einzelfälle, sondern Muster, mit denen unsere Fachdienste für Integration und Migration jeden Tag konfrontiert sind", sagte Siebelhoff.
Deshalb müsse Integrationspolitik mehr leisten als die möglichst schnelle Vermittlung in Beschäftigung. "Teilhabe beginnt nicht mit einem Arbeitsvertrag. Sie beginnt mit Anerkennung. Wir müssen darüber sprechen, welche Bedingungen Menschen brauchen, damit aus Ankunft tatsächlich gesellschaftliche Teilhabe werden kann."
Integrationsarbeit braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Die Caritas in NRW fordert deshalb politische Rahmenbedingungen, die gesellschaftliche Teilhabe tatsächlich ermöglichen. Dazu gehören aus ihrer Sicht insbesondere verlässliche Zugänge zu Sprachförderung, Bildung, Beratung und Qualifizierung sowie faire und transparente Verfahren bei der Anerkennung von Abschlüssen. Gleichzeitig müssten bestehende strukturelle Benachteiligungen und Diskriminierung konsequenter abgebaut werden.
Die Fachdienste für Integration und Migration hätten dabei eine zentrale Funktion. Sie seien unmittelbar mit den Lebensrealitäten von Menschen mit Migrationsgeschichte konfrontiert und würden dort ansetzen, wo politische Regelungen auf konkrete Lebenslagen treffen.
"Unsere Fachdienste machen aus dem Anspruch auf Teilhabe gelebte Wirklichkeit - und das häufig unter schwierigen Bedingungen und mit begrenzten Ressourcen", erklärte Siebelhoff. "Diese Arbeit braucht nicht nur Anerkennung, sondern politische Unterstützung und eine verlässliche Finanzierung."
Mit dem Fachtag wolle die Caritas in NRW bewusst einen Gegenakzent zu einer zunehmend auf Arbeitsmarktbedarf fokussierten Migrationsdebatte setzen.