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Stand: 29.07.2019

Pressemitteilung

Sammlung

Not in der Nachbarschaft

Portrait von Emmi NederpeltSammlerin Emmi Nederpelt unterwegsCaritas Essen | Christoph Grätz

Emmi Nederpelt, 77, erinnert sich noch genau an den Tag, als sie eine bedürftige Familie in ihrem Stadtteil besuchte, um zu prüfen, ob sie wirklich in Not war. Schließlich geht sie als ehrenamtliche Sammlerin genau wie alle anderen Ehrenamtlichen äußerst verantwortungsvoll mit dem ihr anvertrauten Spendengeld um: "Als die Tür geöffnet wurde, sah ich Kinder mit eingefallenen Wangen - da hatte ich keine Fragen mehr!" 

Diesen Anblick wird sie nie vergessen, auch wenn sie oft in den über drei Jahrzehnten ihres Ehrenamtes Menschen gesehen hat, die hungern - und das mitten in Deutschland.

Für diese Menschen sammelt die Caritas in ihrer Adventssammlung: 
Vom 17. November bis 8. Dezember ziehen die ehrenamtlichen Caritas-Mitarbeitenden im Bistum Essen wieder von Haustür zu Haustür, um dringend benötigte Spenden zu sammeln. Nicht für arme Menschen in Krisen- oder Kriegsgebieten irgendwo auf der Welt, sondern: Für arme Menschen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft!

Immer öfter sehen wir sie als Obdachlose in unseren Straßen, wo sie Münzen von vorbeieilenden Passanten in einem Pappbecher sammeln. Manchmal sehen wir sie als Schulkinder, die ohne Zuckertüte, dafür aber in Gummistiefeln zur Einschulung kommen - ihrem einzigen Paar Schuhe. Oder wir sehen alte Menschen, die in öffentlichen Abfallbehältern nach Pfandflaschen suchen, um sie einzutauschen. 
Ein bedrückender Anblick!

Aber noch öfter sehen wir sie eben nicht, denn Armut ist schambesetzt, und die Betroffenen wollen sie nicht zugeben. Die Folgen: gesellschaftlicher Rückzug, Vereinsamung und Depression, die bis zum Suizid führen kann. 

Die Gemeindecaritas der Ortscaritasverbände sowie die ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Caritas in den Gemeinden der Pfarreien kennen die Schicksale hinter den Statistiken. Doch zunächst die Fakten:

Beispiel Duisburg

Duisburg ist die drittärmste Stadt Deutschlands, einem Land, in dem mittlerweile mehr als jeder Sechste als arm gilt. In Duisburg leben 75.000 Menschen in einer Hartz IV-Bedarfsgemeinschaft und 85.000 Menschen sind überschuldet.*

Besonders armutsgefährdet sind kinderreiche Familien, Arbeitslose, Alleinerziehende, Migrantinnen und Migranten und zunehmend auch Rentner/-innen. Deutschlandweit hat diese Gruppe seit 2005 eine Zunahme von 49 Prozent erfahren. **  

Armut kann tatsächlich jeden treffen; zum Beispiel durch Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung oder Tod. Umso wichtiger ist hier die Solidarität unter Nachbarn, das Aufeinander achtgeben, die sensibilisierte Wahrnehmung dem Nächsten gegenüber. 

Und immer geht es auch um die Würde der Menschen, wie Emmy Nederpelt betont: 
"Ich gehe oft mit Senior/-innen oder Familien einkaufen. Während sie die Lebensmittel an der Kasse aufs Band legen und einpacken, bezahle ich. So eine Aufgabenteilung an der Kasse ist ja üblich, da fällt nicht auf, dass es nicht ihr eigenes Geld ist."

In ihrer Gemeinde St. Elisabeth gibt es nur noch 12 Sammlerinnen. 
Deswegen sammeln sie seit 2013 schon gar nicht mehr an den Haustüren. Vielmehr werfen die Ehrenamtlichen nun Briefe ein mit der Bitte um Spenden. Das erspart es ihnen, verschiedene Adressen mehrmals anzusteuern, wenn die jeweiligen Bewohner nicht gleich beim ersten Mal anzutreffen waren. "Dadurch ist das Spendenaufkommen jedoch nicht zurückgegangen", freut sich die CKD-Vorsitzende der Pfarrei Liebfrauen. "Die Menschen überweisen wirklich!"

Portrait von Klaus Peter Bongardt von der Caritas DuisburgEr kennt die Nöte der Menschen, Klaus Peter Bongardt von der Caritas Caritas Essen | Christoph Grätz

Auf neuen Wegen Spenden generieren
So hat man sich in Duisburg schon gut auf die Tatsache eingestellt, dass die Ehrenamtlichen, die sich oft bereits seit Jahrzehnten engagieren, immer älter werden und nach und nach aufhören. Klaus Peter Bongardt: "Leider fehlt uns hier einfach der Nachwuchs, so dass wir andere Wege gehen müssen, um Spenden zu generieren."

Ein Testlauf findet gerade in Kooperation mit BENE statt, dem Kirchenmagazin des Bistums Essen: Einer Teilausgabe in Höhe von 20.000 Stück, die dem Einzugsgebiet der Duisburger Pfarrei Liebfrauen entspricht, wird ein Spendenaufruf von Caritasdirektor Ulrich Fuest und Pfarrer Christian Schulte beigelegt.

"Wir sind gespannt, wie das ankommt," sagt Klaus Peter Bongardt und hofft, den Spendenfluss so aufrecht erhalten zu können, um auch in Zukunft schnelle und unbürokratische Einzelfallhilfe zu leisten. Wie zum Beispiel in der KiTa St. Joseph am Dellplatz, wo zwei- bis sechsjährige Kinder aus 23 Nationen betreut werden. Einrichtungsleitung Angelika Korinth erhält hier oft Geld aus der Spendensammlung, z.B. um Tornister für die Einschulung zu kaufen oder eben - Lebensmittel! Denn auch hier ist die Not spürbar. "Wir haben hier Kinder, die in viel zu großen Schuhen herumlaufen, weil die Eltern sie bewusst so gekauft haben; Kinderfüße wachsen ja so schnell. Das ist aber kein Zustand! Und die Schuhe gehen auch eher kaputt", sorgt sich die KiTa-Leiterin. 

Einem kleinen Mädchen wird ein Tornister von einer Frau übergeben Tornisterübergabe: Die kleine Emilia bekommt zur Einschulung einen Tornister von KiTa-Einrichtungsleiterin Angelika Korinth überreichtCaritas Essen | Christoph Grätz

Für "ihre" Kinder und deren Familien wünscht sich Angelika Korinth nichts sehnlicher, als zwei Busse chartern zu können, um einmal einen gemeinsamen "Familienausflug" nach Kevelaer zu machen: die Bauernhof-Erlebnisoase Irrland ist hier das heiß ersehnte Ziel. 
Doch noch ist nicht klar, wie das finanziert werden kann. 

Als Emmy Nederpelt von den Schuhen in Übergröße und dem Ausflugswunsch hört, fragt sie nach und verspricht: "Hier können wir helfen!" (cwe)

 

Wenn auch Sie den Menschen in ihrer Nachbarschaft helfen wollen, können Sie 
hier spenden: 

Empfänger: Caritasverband für das Bistum Essen e.V.
Stichwort: "Adventssammlung 2019",
IBAN DE75 3606 0295 0000 0144 00
BIC GENODED1BBE
Kontonummer 14 400, BLZ 360 602 95 (Bank im Bistum Essen)

*    Quelle: NRZ vom 01.02.2018
**  Quelle: Paritätischer Armutsbericht 2017