Fünf Klausuren hier, drei Hausarbeiten da, Nebenjob, Partnerschaft, Freunde, Familie… Das Leben als Studierender kann nicht nur zum Semesterstart ganz schön stressig sein. Damit der Stress nicht überhandnimmt, bietet CampusSegen, die katholische Hochschulseelsorge im Bistum Essen, in Kooperation mit der Caritas psychologische Beratung an.
Annette Stolarski, psychologische Beraterin, ist seit zwei Jahren Ansprechperson für Studierende, denen ihr eigenes Leben über den Kopf wächst.Stefan Klinkhammer | Bistum Essen
Hell und freundlich wirken die Räume von CampusSegen, der katholischen Hochschulseelsorge in Bochum an der Ruhr-Universität. Hier, mitten im Uni-Center über einer Pizzeria, hat auch Annette Stolarski ihr Büro, das eher einem Wohnzimmer gleicht. Neben Schreibtisch und Computer gibt es eine gemütliche Sitzecke mit Couchtisch und Sessel. Die 37-jährige psychologische Beraterin ist seit zwei Jahren Ansprechperson für Studierende, denen ihr eigenes Leben über den Kopf wächst.
Studierende stehen unter Druck
"Das Studium ist ein komplett neuer Lebensabschnitt, Studierende stehen oft sehr unter Druck: Sie müssen sich in ihrem eigenen Leben zurechtfinden, vom Elternhaus lösen und auf einmal Haushalt, Studium und Finanzen selbst regeln. Manche haben Prüfungsängste oder Beziehungsprobleme, fühlen sich einsam am neuen Studienort oder haben Probleme mit Drogen oder Alkohol", schildert Stolarski einige Gründe für die psychische Belastung junger Menschen. Mit der Ehe-, Familien- und Lebensberatung beim Caritasverband Ruhr-Mitte gebe es durchaus viele Schnittmengen, doch das Beratungsangebot in unmittelbarer Uni-Nähe habe einen eindeutigen Standortvorteil - mitten im Leben der Studierenden.
Kostenlose psychologische Beratung
Bereits seit mehr als 40 Jahren gibt es das Angebot der kostenlosen, psychologischen Beratung an der Ruhr-Uni-Bochum, das von der katholischen Hochschulseelsorge in Kooperation mit dem Caritasverband Ruhr-Mitte getragen wird. Das Angebot richtet sich an alle Studierende, die an einer beliebigen Hochschule im Bistum Essen eingeschrieben sind - also nicht nur an die Studierenden der Ruhr-Uni. Tatsächlich nehmen manche eine längere Anreise in Kauf, um sich Rat zu holen. "Es gibt Studierende, die ganz bewusst Distanz zur eigenen Hochschule suchen, weil sie nicht möchten, dass ihr Prof mitkriegt, dass sie da ungelöste Baustellen und Probleme haben", weiß Stolarski.
Eigene Kräfte mobilisieren
Im Beratungsgespräch gehe es darum, "herauszufinden, was denn eigentlich geklärt werden muss. Das ist analytische Arbeit." Manchmal müsse man ein bisschen tiefer schauen, sagt Stolarski, "und beim Sortieren kommt sehr schnell raus, dass es gar nicht so sehr ums Studium geht, sondern vielleicht um Zukunftsängste, um Veränderungen im Leben. Was will ich machen? Wo will ich hin? Wer hat welche Erwartungen an mich?". Oft helfe es schon, darüber zu sprechen, um sich aus dem Gefühl der Ohnmacht zu befreien. Ziel sei es, die eigenen Kräfte zu mobilisieren, um wieder selbstständig Entscheidungen treffen zu können.
Therapieplätze fehlen
Aktuell betreut Stolarski rund 30 Studierende. Immer montags und donnerstags ist sie bei CampusSegen vor Ort, an den übrigen Tagen leitet sie die Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Caritas in Bochum. Während Ratsuchende dort acht bis zehn Monate auf einen Beratungstermin warten, kann Stolarski den Studierenden oft nach zwei bis drei Wochen ein Erstgespräch anbieten. Aber sie merkt, dass auch hier die Anfragen zunehmen. Woran das liegt?
Die Beraterin glaubt, dass neben zahlreichen Krisen, wie Corona, Klimawandel, Kriege und Konflikte, auch Social Media junge Menschen stark unter Druck setze: "Influencer zeigen ihnen ein Bilderbuch-Leben. Und dann sind sie irritiert, wenn ihr eigenes Leben ganz anders aussieht, und denken ‚Da läuft doch was falsch!‘" Einen weiteren Grund sieht Stolarski in fehlenden Therapieplätzen. "Diese Lücke können wir nicht schließen. Früher habe ich gesagt: Wir sind die Brücke zur Therapie", doch das treffe nicht mehr zu, sagt sie. Oft sei gar nicht absehbar, ob jemand überhaupt therapeutisch behandelt werde. Viele Wartelisten würden geschlossen und niemand mehr angenommen. In akuten Notfällen verweist die Beraterin an eine Klinik.
Auf sich selbst achten
Damit es erst gar nicht so weit kommt, sollte man gut auf sich selbst achten, rät Stolarski. "Kurz mal durchatmen und sich fragen: Wie geht es mir eigentlich, was brauche ich gerade? Ich hatte Studierende hier sitzen, die stundenlang nichts mehr getrunken, nichts mehr gegessen und kaum noch geschlafen haben, weil sie nur noch für die nächste Prüfung gelernt haben." Gute Freunde treffen und Zeit mit Menschen verbringen, die einem wichtig sind - auch das brauche jeder Mensch wie Schlaf und Nahrung. Und wenn der Stress und die Sorgen doch zu viel würden, sei es wichtig, sich jemandem anzuvertrauen oder "zumindest Zettel und Stift zu nehmen und seine Gedanken mal herunterzuschreiben." Die Telefonseelsorge oder eine Chatberatung könne eine erste Anlaufstelle sein, wenn man lieber anonym bleiben wolle, sagt Stolarski und fügt hinzu: "Auch ich obliege der Schweigepflicht."
Beratung steht allen Studierenden offen
Unabhängig von Religionszugehörigkeit, Weltanschauung, Geschlecht und Herkunft sei jeder in ihrer Sprechstunde willkommen. "Ich wurde schon mal gefragt: ‚Mein letzter Sonntagsgottesdienst ist lange her - darf ich trotzdem kommen?‘", erzählt sie mit einem Lächeln. Die einzige Einschränkung: "Meine Beratung ist ausschließlich auf Deutsch. Trotzdem kommen auch ausländische Studierende zu mir in die Beratung. Manchmal können sie nur umschreiben, wie es ihnen geht, weil das deutsche Wort fehlt. Aber es ist schön zu sehen, dass man sich trotz Sprachbarriere verständigen kann."
Wenn sie einen Wunsch frei hätte, "dann würde ich mehr Beraterinnen und Berater einstellen und politische Rahmenbedingungen schaffen, dass ausreichend Psychotherapieplätze zur Verfügung stehen", sagt Stolarski. Der Bedarf an Unterstützung sei groß und die Möglichkeiten, dem gerecht zu werden, viel zu gering: "Es braucht mehr Raum für die psychischen Nöte der Menschen." (nvb)
CampusSegen, psychologische Beratung
CampusSegen Basis Bochum
UFO / Uni-Center
Querenburger Höhe 286
44801 Bochum
Mo + Do: 9.00 - 17.00 Uhr
Terminvereinbarung per Mail unter: annette@campussegen.de