Busstop Foto: Mick Vincenz
"Die Arbeit von Streetworkerinnen wird durch erzwungene Untersuchungen erschwert. Gerade der Zugang zu Opfern von Menschenhandel oder zu Zwangsprostituierten basiert auf Vertrauen und nicht auf Zwang. Das ordnungspolitische Aufrüsten bringt nichts als Vertrauensverlust", kritisiert der Caritasdirektor im Bistum Essen, Andreas Meiwes.
Die direkte Arbeit mit den Frauen und Männern sei der beste Weg, über gesundheitliche Vor- und Fürsorge aufzuklären. Meiwes: "Zwangsmaßnahmen sind nicht nötig. Aufgeklärte Frauen, die selbstbestimmt den Beruf der Sexarbeiterin ausüben, brauchen erst recht keine Zwangsuntersuchungen." Die Bundesregierung plant die Wiedereinführung von Zwangsuntersuchung als Teil einer Überarbeitung des Prostitutionsgesetzes. Aber die Realität sieht anders aus.
"Wir haben es mit verängstigten, eingeschüchterten und sozial isolierten Menschen zu tun", so Hildegard Pleuse, Fachreferentin für Sucht und AIDS bei der Caritas im Ruhrbistum. "Statt Repressalien helfen Angebote, die ohne Formalitäten und Bedingungen zugänglich sind. Diese sollten anonym, vertraulich und auf freiwilliger Basis beruhen." Kritisch sei die soziale und gesundheitliche Versorgung vor allem bei Analphabeten, unaufgeklärten Menschen oder bei Menschen, die der Armuts- und Suchtprostitution nachgingen. Pleuse: "Für diese Menschen brauchen wir Programme der Aufklärung über Infektionswege." Für eine noch bessere Aufklärung, Vorsorge und Betreuung empfiehlt sie die Kooperation zwischen Streetwork und Gesundheitsamt.
In Essen wird diese Kooperation bereits modellhaft praktiziert. Die Gynäkologin der "Beratungsstelle für HIV/AIDS und andere sexuell übertragbare Infektionen" des Gesundheitsamtes berät regelmäßig zusammen mit Sozialarbeiterinnen und Sprachmittlerinnen Frauen auf dem Strich. Ein wichtiger Partner im Hilfenetzwerk ist die "Fach- und Beratungsstelle Nachtfalter" der Caritas Essen. Sie begleitet Menschen, die der Prostitution nachgehen, und Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Der "StrichPunkt", ein Beratungscontainer auf dem Straßenstrich, bietet Rat und Hilfe. Die Streetworkerinnen tauschen Spritzen, informieren über "safer Sex" und vermitteln Hilfen. Schätzungen zufolge gehen in Essen etwa 600 Frauen und bis zu 150 Männer der Prostitution nach. (ChG)
Hintergrund "StrichPunkt"
"StrichPunkt" ist ein Angebot für Prostituierte auf dem Essener Straßenstrich. Beteiligt sind der Sozialdienst katholischer Frauen Essen-Mitte (SkF), die "Suchthilfe direkt Essen", die "Fach- und Beratungsstelle Nachtfalter", der "Verein zur Hilfe suchtmittelabhängiger Frauen Essen" und das Gesundheitsamt. http://www.skf-essen.de/28-0-StrichPunkt.html
Hintergrund "Zwangsuntersuchung"
Schon vor Jahrzehnten gab es Zwangsuntersuchungen für Sexarbeiter/-innen. Diese sind mit der Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001 abgeschafft worden. Das Anfang 2002 in Kraft getretene Prostitutionsgesetz gab Sexarbeiter/-innen die Möglichkeit, ein Gewerbe anzumelden und sich sozial zu versichern. Prostitution galt nicht mehr als Sittenwidrigkeit, für die nur Frauen bestraft wurden, nicht die Freier.
- PI 114/2014 - Essen, den 02.10.2014