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Demo "NRW bleib sozial!" am 13. November 2024 in Düsseldorf
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Sozialcourage-Interview Gewaltstraftäter

„Gewalt fängt früher an, als uns klar ist“

Die Psychologin Anna Goesmann leitet die Fachambulanz für Gewaltstraftäter in Würzburg. Viele ihrer Klienten begehen ihre Gewalt- oder Sexualstraftaten im häuslichen Umfeld. Im Interview erklärt sie, warum es gerade dort so oft zu Konflikten kommt.

Frau Goesmann, Sie therapieren Gewaltstraftäter. Wie viele von ihnen begehen ihre Straftaten in der Familie, der Partnerschaft? 

Rund 60 bis 80 Prozent unserer Klienten haben ihre Straftaten im familiären oder Bekanntenkreis begangen. Die meisten verüben dabei Sexualstraftaten, oft sind es Vergewaltigungen, Nötigungen, oft auch mit körperlicher Gewalt. Häufig begehen sie die Tat in Trennungs- oder Konfliktsituationen. Viele Täter haben dann das Gefühl, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, das entstehende Ohnmachtsgefühl kompensieren sie mit Gewalt. 

Porträt Anna GoesmannHäusliche Gewalt ist kein Phänomen bestimmter Schichten, "es durchzieht die ganze Gesellschaft", weiß Anna Goesmann.Philipp Rudolf

Warum kommt es gerade in Beziehungen oder Familien zu Gewalt?

In Beziehungen verbringt man viel Zeit miteinander, da kann es einfach häufiger zu Konfliktsituationen kommen. Viele unserer Täter haben zudem nie gelernt, eine normale Beziehung aufzubauen, und können auf Konflikte nicht anders als mit Gewalt reagieren. Bei vielen gab es schon eine Kränkung durch eine Frau im Lauf des Lebens. Wenn dann das Gefühl der Ohnmacht hinzukommt, fühlen sich viele Täter innerlich so klein, dass sie das Machtgefüge wiederherstellen müssen. Oft auch, weil es bei der Arbeit nicht möglich ist, Selbstvertrauen zu tanken oder Aggressionen auszuleben. 

Sie kümmern sich in der Fachambulanz um die Täter. Was erreichen Sie mit Ihrer Arbeit für die Opfer? 

Unsere Leitmotiv ist: Täterarbeit ist Opferschutz. Irgendwann müssen Sie die Kette durchbrechen. Denn durch Bestrafung oder Einsperren erreichen Sie relativ wenig, solange jemand nicht lernt, seine Beziehungs- oder Konfliktmuster zu ändern. Wir gehen also davon aus, dass wir etwas für die Opfer tun, wenn wir Täter therapieren und es zu keinem Rückfall kommt. Von rund 150 Klienten, die zu uns kamen, haben 50 erfolgreich ihre Therapie abgeschlossen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass es bisher zu keinem einschlägigen Rückfall kam. Seit Jahren sind die Fallzahlen zu Gewaltstraftaten relativ konstant, trotzdem geht nun die Belegung in den JVAs zurück. Das liegt auch daran, dass es mittlerweile Behandlungsangebote wie unseres gibt. 

Die Dunkelziffer von häuslicher Gewalt wird wesentlich höher geschätzt. Warum schweigen so viele, denen Gewalt angetan wird?

Zum einen ist die Scham sehr groß. Viele Opfer fragen sich, warum das ihnen passiert ist und ob sie die Tat nicht hätten verhindern können. Vielleicht haben sie auch selbst Schuldgefühle, den Täter provoziert zu haben oder ihm nicht gerecht geworden zu sein. Oft haben sie auch nicht gelernt, dass man sich wehren kann und dass es Möglichkeiten gibt, selbstbewusst aus so einer Situation he­rauszukommen - gerade wenn sie früher schon einmal Opfer geworden sind. Viele machen sich abhängig vom Täter und versuchen, sich die Situation schönzureden. Das Bedürfnis nach jemandem und geliebt zu werden ist bei ihnen oft sehr groß.

Was raten Sie Menschen, denen die Probleme über den Kopf wachsen und die eventuell ihre Wut an ihrer Familie, ihrem Partner auslassen könnten? 

Wir haben öfter den Fall, dass die Klienten bewusst die Vorzeichen deuten können. Wenn sie zum Beispiel anfangen, übergriffig zu werden, ihren Partner anbrüllen, mit Gegenständen schmeißen. Wenn jemand merkt, dass ihm eine Situation entgleitet, ist es ganz wichtig, dass er die Situation verlässt und sich irgendwo anders abreagiert. Anschließend sollte er sich Hilfe bei Therapeuten und Beratungsstellen holen und sich dem stellen, was ihn so wütend macht.

Autor/in:

  • Philipp Rudolf
Sozialcourage Ausgabe Sozialcourage, 03/2015: caritas.de
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