Darauf aufbauend ist jetzt das so genannte Palliativ-Forum gestartet. Acht katholische Altenheime machen sich auf den Weg, Bewohner, deren Familien und Freunde in der letzten Lebensphase besser zu begleiten. Ein Interview mit der Palliativpflege-Expertin Meike Schwermann von der Fachhochschule Münster und dem Pflege-Experten Frank Krursel von der Caritas im Ruhrbistum.
Wenn Ihr Projekt beendet ist, woran merken Bewohnerinnen und Bewohner eines Altenheims, dass es erfolgreich war?
Meike SchwermannCaritas / Christoph Grätz
Schwermann: Wenn alles gut läuft, können wir dazu beitragen, dass Symptome, vor allem Schmerzen, besser gelindert werden und die Lebensqualität am Ende verbessert wird. Wir helfen den Einrichtungen, eine Kultur zu entwickeln, in der Palliative Care von Anfang an mitgedacht und gelebt wird.
Gerade ältere Menschen haben Angst davor, "ins Heim zu kommen", weil klar ist, dass es die letzte Lebensstation sein wird. Wollen Sie mit dem Projekt Angst nehmen?
Schwermann: Ja, das ist ein zentrales Thema. Schon der Einzug in ein Altenpflegeheim hat mit Trauer zu tun, ein Abschied vom gewohnten Leben. Keiner sollte Angst davor haben, das Thema anzusprechen - weder die Mitarbeitenden, noch die Bewohner, noch deren Angehörige und Freunde. Deshalb sollten die Einrichtungen schon vor dem Einzug das Gespräch mit den Bewohnern darüber führen, welche Wünsche und Bedürfnisse, welche Sorgen sie in Bezug auf das Lebensende haben. Die Bewohner einer Einrichtung sollen merken, dass sie von Menschen umgeben sind, die kompetent handeln und Rücksicht auf ihre Bedürfnisse nehmen.
Das ist das Ziel. Wie sieht die Situation in den Altenheimen denn jetzt aus?
Schwermann: Wir haben im Rahmen einer Ist-Analyse im Bistum Essen im Vorfeld ermittelt, wie der Stand der Hospizkultur und Palliativversorgung in den Einrichtungen ist. 16 Einrichtungen haben sich beteiligt. Die Studie zeigte, dass schon viel gelebt wird, aber dass die Sachen noch mehr gebündelt und noch mehr kommuniziert werden müssen.
Frank KrurselCaritas / Christoph Grätz
Krursel: Dabei geht es vor allem darum, die Wünsche des sterbenden Menschen zu kennen und eine gute Begleitung in der letzten Lebensphase zu ermöglichen. Zum Beispiel bei der Linderung von Leid wie Schmerzen oder Übelkeit. Es geht uns darum, Sicherheit für alle Beteiligten zu schaffen. Handlungsanleitungen helfen zum Beispiel Pflegekräften in Krisensituationen, zu entscheiden, ob sie einen Notarzt rufen oder - im Sinne eines würdevollen Sterbeprozesses - eben auch nicht. Wenn das mit Familie und dem Betroffenen abgesprochen ist, kann der Bewohner dann im Kreis seiner Lieben versterben kann und nicht aus haftungsrechtlichen Erwägungen heraus im Krankenhaus. Das ist es, woran wir arbeiten.
Wie läuft das Projekt ab?
Krursel: Wir begleiten die teilnehmenden Einrichtungen über zwei Jahre. Es gibt regelmäßige Treffen, bei denen wir alle gemeinsam an den Themen arbeiten, an denen die einzelnen Häuser gerade dran sind. Eine Art Coaching mit fachlichem Input und Austausch. Zum Beispiel das Thema Vorstellungsgespräche. Tod, Trauer und Abschiednehmen sind zentrale Themen im Altenheim und sollten bereits im Vorstellungsgespräch angesprochen werden. Einfach, damit alle Mitarbeitenden von Anfang an sensibilisiert sind, ob es in der Küche, an der Pforte oder in der Pflege ist.
Schwermann: Wichtig ist auch der Aufbau von Netzwerken. Erstens arbeiten viele Berufsgruppen zusammen, Pflegekräfte, Küche und so weiter, die mit ins Boot geholt werden sollen. Dann - und das ist für viele noch neu - geht es um die Netzwerkarbeit mit Externen, zum Beispiel mit ambulanten Hospizdiensten, Palliativmedizinern oder Ehrenamtlichen. Wir unterstützen die Einrichtungen dabei, verbindliche Netzwerke zu knüpfen.
Warum machen Sie das Projekt?
Krursel: Weil es uns als kirchlicher Wohlfahrtsverband sehr am Herzen liegt. Das zeigt auch die Tatsache, dass wir als Diözesan-Caritasverband die Kosten für das Projekt vollständig übernehmen. Gerade die beiden großen Kirchen legen großes Engagement an den Tag.
Was ist das Besondere an der Palliativ-Werkstatt?
Krursel: Wir haben in unserem ganzen Leben mit Trauer und Verlust zu tun, nicht erst in den letzten Tagen. Das ist die Haltung, mit der wir das Projekt angehen. Wenn ich palliativ oder hospizlich in der stationären Altenhilfe begleitet werde, heißt das auch, dass ich noch drei, vier, fünf oder sechs gute Jahre haben kann. Wenn wir vermitteln können, dass Altenheime eben keine Sterbeheime, sondern Orte für das Leben sind, haben wir viel erreicht.
Was heißt denn für Sie Palliative Care?
Schwermann: In meinem Verständnis geht es darum, dass ich zunächst alle Möglichkeiten ausschöpfen kann, die der Heilung oder der Therapie dienen. Parallel dazu muss mir bei einer bestimmten Diagnose bewusst sein oder bewusst gemacht werden, dass die Krankheit zum Tode führt. Auf dem Weg bis dahin brauchen Menschen Informationen und das Angebot, darüber zu sprechen. Das Zentrale ist immer wieder zu fragen: Was ist jetzt in diesem Moment für diese Person wichtig? Was bedeutet Lebensqualität oder, bei demenziell erkrankten Menschen, wie können sie im Augenblick leben? Dann braucht man Symptomreduzierung, denn Ziel ist es, frei von Schmerzen und anderen Symptomen zu sein, gleichzeitig aber Autonomie zu gewährleisten. Das alles gehört für mich zu Palliative Care.
Eigentlich haben Pflegekräfte immer weniger Zeit und mehr Aufgaben. Wie realistisch ist es, das Ziel unter den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zu erreichen?
Schwermann: Die Rahmenbedingungen in den Häusern sind eng. Die Mitarbeitenden wollen ja für die Menschen da sein. Wenn sie das nicht schaffen, ist das für viele unerträglich.
Krursel: Die Träger der Freien Wohlfahrtspflege betonen seit Jahren, dass es bessere finanzielle Unterstützung für stationäre Altenhilfe gerade für diese Bereiche geben muss. Palliative Versorgung gehört zum Grundauftrag der Pflege. Die Mitarbeitenden müssen speziell geschult werden. Das kostet Geld. Wir müssen sicherstellen, dass auch Ehrenamtliche in den ambulanten Hospizgruppen gut eingebunden sind. All das bedeutet Koordination, Zeit und eben auch Geld. Da müssen Staat und Pflegekassen dringend nachbessern.
Das Gespräch führte Michael Kreuzfelder.
Meike Schwermann (43) lehrt an der Fachhochschule Münster. Sie ist ausgebildete Krankenpflegerin und Pflegewissenschaftlerin und hat als zertifizierte Palliative Care-Trainerin bundesweit mehr als 100 Einrichtungen bei der Implementierung und Umsetzung von Palliativ-Konzepten begleitet.
Frank Krursel (49) ist Referent beim Caritasverband für das Bistum Essen. Auch er ist gelernter Krankenpfleger und Gesundheitswissenschaftler. Krursel hat jahrelang einen Palliative Care-Pflegedienst in Münster geleitet und ist Implementierungsberater für Palliative Care in stationären Einrichtungen.
PI 055/2016 - Essen, den 22.06.2016