Ursula Stauf ist eine, die anpackt, die weiß, wo anderen der Schuh drückt. Für die Gemeinde St. Mariä Himmelfahrt in Altendorf ist die Vorsitzende der ehrenamtlich organisierten Caritaskonferenz ein "Segen". Sie sprüht vor Ideen, wenn es darum geht, auf Hilfegesuche, akute Notlagen oder Probleme Antworten zu finden. "In Altendorf gibt es viele ältere Menschen, die einsam sind, denen jemand zum Reden fehlt. Vor allem nach Corona war das spürbar", erzählt die 70-Jährige von den Anfängen des Erzählcafés. "Im April 2022 haben wir gestartet, heute ist es schon das 32. Treffen", bilanziert Stauf stolz.
Mehr als ein beliebter Kaffeeklatsch
Blick in den SaalAchim Pohl | Caritas Essen
Jeden 3. Mittwoch im Monat öffnet das Erzählcafé im Marienheim, dem Gemeindesaal von St. Mariä Himmelfahrt, um 14.30 Uhr seine Pforten. Schon eine Viertelstunde vorher stehen etwa zehn Seniorinnen vor der Tür und warten auf Einlass. Offizieller Beginn ist eigentlich erst um 15 Uhr, aber die Vorfreude auf den gemeinsamen Kaffeeklatsch und das Programm ist bei den rund 50 Besucherinnen und Besuchern so groß, dass viele deutlich früher da sind. Manche werden gebracht, viele kommen mit dem Rollator oder der Unterstützung von Freunden und Nachbarn. Nur wenige Männer mischen sich unter die hauptsächlich weiblichen Gäste, von denen die meisten bereits älter als 80 Jahre sind. "Die Männer sind für solche Gelegenheiten nicht zu haben", bedauert Gertrud Finke (90), die seit 29 Jahren im Alten- und Pflegeheim St. Anna lebt. "Das Erzählcafé ist schön", lächelt sie, "hier sieht man sich mal wieder - auch Leute, die man schon drei oder vier Jahre nicht gesehen hat."
Ohne Ehrenamtliche geht es nicht
Sigrid Tepper und Maria Robert (v.l.Achim Pohl | Caritas Essen
Die U-förmig aufgestellten Tische sind farbenfroh mit geblümten Tischdecken sowie Narzissen und Primeln dekoriert. Auf jedem Teller liegt bereits ein Streusel-Hefegebäck und ein Keks in Osterhasenform - natürlich selbstgebacken, verrät Stauf. In der Küche des Gemeindeheims kochen Maria Robert (71) und Sigrid Tepper (74) literweise Kaffee. Die Mitglieder des Helferteams sind selbst kaum jünger als die Gäste, aber aus Überzeugung dabei - echte "Caritäter", die oft schon Jahrzehnte ehrenamtlich für die Caritas im Einsatz sind.
Erzählcafé zum Thema "Blumen"
Während Kaffee und kalte Getränke ausgeschenkt werden, entwickeln sich angeregte Gespräche an den Tischen und ein ordentlicher Lärmpegel, sodass Stauf mit ihrer Begrüßung kaum durchdringt. Vereinzelte "Ruhe"-Rufe im Saal erzeugen die gewünschte Aufmerksamkeit. "Ich war neulich im Baumarkt", beginnt Stauf zu erzählen", "und kam zufällig an der Gartenabteilung vorbei. Da hörte ich auf einmal die Blumen sprechen: ‚Nimm mich mit!‘ - und was soll ich sagen? Es war um mich geschehen." Stauf deutet auf den großen mit Tulpen gefüllten Eimer. Passend zum Frühling heißt das Thema heute "Lass Blumen sprechen!"
Schummeln erlaubt
Bekanntes und unbekanntes über die Welt der BlumenAchim Pohl | Caritas Essen
Detailreich und mit farbig ausgedruckten Fotos erklärt Stauf, was die Farben der Blumen bedeuten und zu welchem Anlass welche Blumen gerne verschenkt werden. Die ehemalige Hauptschullehrerin ist sichtbar in ihrem Element. Jetzt dürfen die Gäste selbst aktiv werden und in Kleingruppen ein Blumenquiz ausfüllen: Es gilt, innerhalb von zehn Minuten zu jedem Buchstaben des Alphabets einen passenden Blumennamen zu finden. Gar nicht so einfach. Vielleicht lässt sich ja ein Deal mit dem Nachbartisch machen: Ein X für ein U? Schließlich stehen die Gewinner fest und erhalten als Hauptpreis rote Rosen überreicht.
Caritas kümmert sich um Bedürftige im Stadtteil
Viele der Gäste im Erzählcafé kennt Stauf persönlich, manche kommen donnerstags zu ihr in die Caritas-Sprechstunde, wo sie Lebensmittelgutscheine an Menschen mit kleiner Rente oder geringem Einkommen verteilt. Oft sei es aber einfach nur wichtig, da zu sein und zuzuhören. "Wenn es ein konkretes Problem gibt, vermittle ich weiter an professionelle Beratungsstellen." Guten Zuspruch hat auch das "Kleiderlädchen", das dienstags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr an der Ehrenzeller Straße 47 gut erhaltene, gebrauchte Kleidung und Schuhe für einen kleinen Preis an Bedürftige weitergibt. Auch diese Initiative und ein regelmäßiges Treffen für Menschen mit Migrationsgeschichte, die ihre Deutschkenntnisse verbessern wollen, hat Stauf ins Leben gerufen. Zum Glück kann die Caritas auf viele ehrenamtlich Engagierte zählen. Wie man das alles unter einen Hut kriegt? "Es ist manchmal ein bisschen viel", gibt Stauf zu, "aber es ist erfüllend. Ich kann es nur empfehlen."
Singen schweißt zusammen
Ursula Stauf beim SingenAchim Pohl | Caritas Essen
Nach erfolgter Siegerehrung geht es im Erzählcafé jetzt um die Blume in Kunst, Literatur und Musik. Erstaunlich, wie viele Sprichworte mit Blumen es gibt: Einen grünen Daumen haben, keine Rose ohne Dornen, etwas durch die Blume sagen - dazu fällt allen etwas ein. So richtig in Fahrt kommen die Gäste beim Singen alter Volkslieder und Schlager. Niemanden stört es, dass bei "Weiße Rosen aus Athen" nicht alle melodie- und textsicher sind, aber trotzdem lauthals mitsingen und einen ungewollt vielstimmigen Spontan-Chor erklingen lassen. Zum Abschluss begeisterter Applaus.
Nach zwei Stunden läutet Stauf das Ende ein und kündigt an, dass sich die Gruppe beim nächsten Mal auf einen Ausflug ins Spieleparadies nach "Las Marienheimas" freuen darf. "Wenn Sie Reisetabletten für die lange Fahrt brauchen, können Sie gerne welche mitnehmen", scherzt sie. "Bei der Ankunft erwarten uns Spiele, wie Bingo, spannende Rätselfragen und vielleicht auch ein neuer Millionär!".
Es geht ans Abschiednehmen und Aufräumen. Dankbar nehmen die Gäste eine Tulpe als Andenken und das neue "Sonnenstrahlen"-Heft mit, das die Gemeinde viermal jährlich extra für Seniorinnen und Senioren auflegt. Spirituelle Impulse, kleine Geschichten, Terminhinweise, wichtige Kontaktadressen und Telefonnummern für den Notfall sowie Witze und Rätsel machen das 28-seitige Heftchen beliebt. Keines bleibt übrig.
Spenden ermöglichen Angebote
Spendenkörbchen und Blumensamen "für das Leben"Achim Pohl | Caritas Essen
"Ich bin selber jedes Mal überrascht, dass so viele kommen", sagt Stauf, "ich glaube, das ist der besondere Spirit. Es gibt immer wieder so tolle Momente, zum Beispiel als wir das Thema ‚Kinderspiele‘ hatten. Da sind bei vielen Seniorinnen und Senioren Kindheitserinnerungen wach geworden. Es wurde viel gelacht und alle hatten Spaß bei so einem alten Spiel mit Gummischnüren - ‚Schweinchen auf der Leiter‘, heißt es." Für Stauf ist es eine schöne Bestätigung, dass die Angebote der Caritas in der Gemeinde so gut angenommen werden. Aber es bleibt auch eine Herausforderung, Ehrenamtliche zu motivieren und Spenden einzuwerben. Am Ausgang des Gemeindesaals steht ein Caritas-Spendenkörbchen und wer kann, wirft beim Hinausgehen etwas hinein. Das allein reicht nicht, um die Ausgaben zu decken, weiß Stauf. "Aber zum Glück gibt es ja die Spendensammlung von Caritas und Diakonie im Frühsommer und Winter. Ohne Spenden könnten wir diese Angebote nicht aufrechthalten."
Neuer Podcast "Erzählcafé - Lass Blumen sprechen!"
Einen lebendigen Eindruck vom Erzählcafé vermittelt die neue Podcastfolge #115 von caritalks, dem Podcast für soziale Themen der Caritas in NRW: https://caritalks.podigee.io/115-caritalks-erzaehlcafe
"Füreinander. Für hier" - Spendensammlung von Caritas und Diakonie
Zweimal jährlich sammeln Caritas und Diakonie Spenden zugunsten ihrer Arbeit in den Gemeinden vor Ort, die hauptsächlich ehrenamtlich organisiert ist. Die Spenden kommen den sozialen Projekten und Initiativen direkt vor Ort zugute. "Füreinander. Für hier" ist gleichermaßen Name und Programm dieser Spendenaktion. Online-Spendenmöglichkeit: www.fuereinanderhier.org