Wie kann die generalistische Pflegeausbildung praxistauglich weiterentwickelt werden? Mit dieser Frage haben sich am Mittwoch, 25. Februar 2026 in Essen rund 30 Fach- und Führungskräfte beschäftigt, die in der Ausbildung des Pflegenachwuchses tätig sind. Auf Einladung des Caritasverbandes für das Bistum Essen diskutierten die Praxis-Experten mit Sandra Postel, Präsidentin der Pflegekammer Nordrhein-Westfalen (NRW), wo es hakt und an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, damit die generalistische Pflegeausbildung erfolgreich auf die unterschiedlichen Pflegesektoren vorbereitet.
Sandra Postel, Präsidentin der Pflegekammer NRW, sprach sich für spezialisierte Weiterbildungen aus.Nicola van Bonn | Caritas Essen
Zum Hintergrund: Im Jahr 2020 wurden die Ausbildungsgänge Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege in eine gemeinsame dreijährige Ausbildung zusammengeführt. Seither werden alle Pflegeschüler*innen generalistisch ausgebildet und erwerben die Qualifikation, sowohl in der ambulanten und stationären Altenpflege als auch in der Kranken- und Kinderkrankenpflege zu arbeiten. Doch daran gibt es zunehmend Kritik. Die Berufsanfänger*innen seien für die unterschiedlichen Anforderungen in Krankenhaus und Altenpflege fachlich nicht ausreichend qualifiziert und spezialisiert, so der Vorwurf. Um das zu verdeutlichen, zitierte Postel eine Pflegeschülerin nach bestandenem Examen: "Ich könnte jetzt wunderbar ein Neugeborenes mit Demenz versorgen", habe die junge Frau gesagt und damit den Kern des Problems beschrieben.
Aus dem Caritas-Netzwerk des Bistums Essen waren rund 30 Fach- und Führungskräfte aus den Bereichen Altenpflege- und Krankenpflege angereist, um mit Pflegekammer-Präsidentin Sandra Postel die Zukunft der generalistischen Pflegeausbildung zu diskutieren.Nicola van Bonn | Caritas Essen
Basiskompetenzen vermitteln
In der sich anschließenden Diskussion bestätigten die Ausbildungsverantwortlichen diese Erfahrungen, hatten aber auch konkrete Lösungsvorschläge im Gepäck. So gibt es zum Beispiel im Caritasverband Gelsenkirchen monatlich für alle Pflegeschüler*innen einen so genannten "Ausbildungstag", an dem Lehrkräfte aus der Schule zusammen mit Praxisanleitenden aus den Ausbildungsbetrieben wichtige Basiskompetenzen vermitteln. Ein schöner Nebeneffekt: Die Auszubildenden lernen sich kennen und tauschen auch untereinander viel Wissen aus.
Spezialisierte Weiterbildungen
Im St. Marien-Hospital in Mülheim an der Ruhr habe man gute Erfahrungen mit 14-tägigen Anschlussqualifizierungen für Berufseinsteiger oder Personen, die aus anderen Pflegebereichen ins Krankenhaus wechseln, gemacht, berichtete Pflegedirektor Maik Stanczyk. Darin sieht auch Pflegekammer-Präsidentin Sandra Postel großes Entwicklungspotenzial: "Nach der Basisausbildung müssen sich Fachweiterbildungen anschließen. Für die Kinderkrankenpflege haben wir eine erste Spezialisierungsweiterbildung entwickelt."
Bürokratische Hürden abbauen
Die Anwesenden nutzten die Gelegenheit, sich mit Postel auch über Themen, wie bürokratische Hürden bei der Einstellung ausländischer Auszubildender sowie lange Bearbeitungszeiten in den Verwaltungen der Regierungsbezirke auszutauschen. Es könne nicht sein, dass die Prüflinge sechs Wochen auf ihre Urkunden und Zeugnisse warten müssten, um sich nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung zu bewerben, so die Kritik. Der ganze Bereich der Bildung solle von den Bezirksverwaltungen in den Verantwortungsbereich der Pflegekammer übergehen, so der Wunsch der Pflegeexperten. Postel verwies auf einen ungelösten Konflikt zwischen dem Gesundheits- und dem Innenministerium in NRW. Es sei unstrittig, dass die Pflegekammer für die Ausbildung zuständig sein müsse, nicht jedoch, woher das Geld kommt. "Ausbildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", und sollte nicht aus Beiträgen der Versicherten, sondern aus Steuermitteln bezahlt werden, ist die Pflegekammer-Präsidentin überzeugt. Doch in dieser Frage könne sich die Politik derzeit nicht einigen.
Lebensnaher Deutschunterricht
Ganz gleich, ob es um Fachwissen oder soziale Kompetenzen geht - einig waren sich die Pflegefach- und -führungskräfte, dass es ausreichend Zeit und Personal für die Anleitung und Begleitung von Auszubildenden braucht und auch eine enge Kooperation zwischen Schule und Praxis. Um die Abbrecherquote zu senken, könne ein "Patensystem" hilfreich sein, berichtete Postel von einem erfolgreichen Modellprojekt in Osnabrück. Dort haben die Pflegeschüler*innen über die gesamte Ausbildungszeit eine feste Ansprechperson, die sie begleitet. Eine kreative Lösung im Umgang mit Sprachbarrieren wird im St. Marien-Hospital in Mülheim praktiziert: Auszubildende aus dem Ausland oder mit mangelnden Deutschkenntnissen erhalten zusätzlichen und alltagstauglichen Deutschunterricht - nicht im Klassenraum, sondern mitten im Leben. Im Bistro einen Kaffee bestellen, gemeinsam einkaufen gehen und mit Behörden kommunizieren helfe den Pflegekräften, sich in Deutschland zurechtzufinden und Fuß zu fassen.
Caritas begleitet Weiterentwicklung
Pflegekammer-Präsidentin Postel würdigte die vielen guten Ansätze in der Weiterentwicklung der Pflegeausbildung. "Die Generalistik ist zukunftsweisend. Ich wünsche mir eine gute Zusammenarbeit mit Ihnen, ein gutes On-Boarding für ausgebildete Pflegekräfte und die Chance, sowohl Arbeitsplatzkompetenzen als auch Fachkompetenzen weiterzuentwickeln. Vor allem muss die Praxisanleitung gefördert und besser finanziert werden."
Für den Caritasverband für das Bistum Essen bekräftigte Martin Peis, Leiter der Abteilung Senioren, Gesundheit und Soziales, man werde die Umsetzung der generalistischen Pflegeausbildung auch künftig konstruktiv begleiten und unterstützen, "damit sie den vielfältigen Anforderungen der Praxis gerecht wird sowie angehenden Pflegefachkräften eine fundierte berufliche Perspektive eröffnet".
Podcast "caritalks" - Herzensangelegenheit Pflegeausbildung
In der aktuellen Podcastfolge #113 von caritalks, dem Podcast zu sozialen Themen der Caritas in NRW, sprechen drei Pflegeexpertinnen aus den Bereichen Krankenhaus, Altenheim und Pflegeschule über ihre Erfahrungen mit der generalistischen Pflegeausbildung und wie sie verbessert werden kann: https://caritalks.podigee.io