Um die Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz (KI) und Robotik ging es bei einem Fachtag der Caritas im Bistum Essen. Rund 100 Expertinnen und Experten aus den Bereichen Kranken- und Altenpflege sowie Eingliederungshilfe informierten sich über neue Entwicklungen und gesetzliche Rahmenbedingungen.
Experten aus Wissenschaft, Forschung und Praxis sowie Mitarbeitende der Caritas im Bistum Essen: (vordere Reihe v.l.) Prof. Dr. Ramin Assadollahi, Uni Lübeck; Patrick Aurin, Bundesnetzagentur; Elisabeth Liebert, Uni-Klinik Essen; Dr. Dominik Bures, Uni-Klinik Essen; Moderatorin Melanie Wielens; Ingolf Rascher, AAL-Akademie; (hintere Reihe v.l.): Daniel Holzem, Roland Sobolewski, Agnes Kosobudzki und Frank Krursel, Caritas; Dorothée Schlebrowski, Sozialwerk St. Georg; Sebastian Geis, Caritas.Caritas | Nicola van Bonn
"Künstliche Intelligenz ist kein technisches Randphänomen. Sie verändert die Logik von Macht, von Zugang, von Ausgrenzung - und sie tut das in Echtzeit, global und oft ohne, dass wir es bemerken." In ihrer als Video aufgezeichneten Begrüßungsrede machte Stefanie Siebelhoff, Direktorin des Caritasverbandes für das Bistum Essen, gleich zu Beginn des Fachtags "KI und Robotik im Sozial- und Gesundheitswesen" deutlich, in welchem Spannungsverhältnis Mensch und Künstliche Intelligenz (KI) stehen.
Mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Bereichen Kranken- und Altenpflege sowie Eingliederungshilfe im Bistum Essen waren am Dienstag, 7. Juli 2026, der Einladung ins "Hotel Franz" in Essen gefolgt, um sich mit den Chancen und Risiken von KI und Robotik auseinanderzusetzen.
Siebelhoff nannte Beispiele dafür, wie der Einsatz der neuen Technik schon jetzt den Arbeitsalltag im Gesundheitswesen verändere: Pflegeroboter, die Vitalwerte überwachen, Spracherkennung, die Dokumentation vereinfacht, und assistive Technologie, die Menschen mit Einschränkungen mehr Selbstbestimmung im Alltag ermöglicht. Es gehe nicht mehr darum, ob KI eingesetzt werde, sondern wie. Dabei gelte es zu beachten, dass KI und Robotik dem Menschen dienen müssten, nicht umgekehrt: "KI darf ein Fachurteil unterstützen - aber nicht ersetzen. Robotik darf Sorgearbeit ergänzen - aber nicht entrichten. Und wir tragen die Verantwortung dafür, dass Technik nicht beschafft wird, weil sie kosteneffizienter erscheint, sondern weil sie dem Menschen dient." Sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, "ist kein akademischer Luxus", so Siebelhoff. "Wer nicht versteht, wie KI funktioniert, kann sie weder einsetzen noch begrenzen".
Prof. Dr. David Matusiewicz von der FOM Hochschule für Ökonomie & Management in Essen stellte Studien vor, die zeigen, dass KI-Antworten zunehmend nicht nur als fachlich stark, sondern auch als empathisch wahrgenommen werden.Caritas | Nicola van Bonn
Mehr Chance als Risiko
Für Prof. Dr. David Matusiewicz, Spiegel-Bestseller-Autor und wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Gesundheit & Soziales an der FOM Hochschule für Ökonomie & Management in Essen, überwiegen deutlich die Chancen gegenüber den Risiken beim Einsatz digitaler Technik im Gesundheitswesen. "KI ist für die Medizin das, was die Mathematik für die Physik ist", beschrieb er die strukturierende Funktion von KI in Prozessen und Abläufen. Die Zukunft liege in der Verbindung von KI und Robotik, wie zum Beispiel bei der Erkennung und Prävention von Krankheiten oder beim Einsatz von operierenden Robotern. Die Technik werde immer intelligenter, weshalb der Mensch als kritische und korrigierende Instanz wichtig bleibe.
Die digitale Transformation gestalten
Auch Prof. Dr. Ramin Assadollahi betonte, dass der Mensch gefordert sei, die digitale Transformation zu gestalten. Der Neurolinguist und Start-Up-Gründer wies darauf hin, dass im Gesundheitswesen eine Fülle an Daten erhoben würde, die nicht oder nur unzureichend genutzt würden. KI hätte das Potenzial, mittels digital erhobener Daten die Pflege und Behandlung von Menschen spürbar zu verbessern. Analog zum Smart-Home könnten Geräte in Patientenzimmern zum Beispiel Vitalwerte messen und auswerten, Stürze erkennen und Alarm auslösen sowie strukturierte Pflegedokumentationen erstellen. "KI hilft uns, Wissen zu erfassen. KI hilft uns, das Wissen besser zu verteilen und zu nutzen. KI hilft uns, unsere Prozesse besser zu verstehen und zu gestalten", so der Wissenschaftler.
KI in der Pflegeausbildung
Ingolf Rascher, Gesundheitsökonom und Vorstandsvorsitzender der Ambient Assisted Living (AAL) Akademie, betonte: "Nicht für jedes Problem ist der Roboter die Lösung." Es komme darauf an, immer erst den Bedarf zu ermitteln und dann die passende technische Lösung zu suchen. Zahlreiche positive Anwendungsbeispiele für KI und Robotik gebe es bereits, wie etwa in der Pflegeausbildung, wo Auszubildende mittels Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR) für die Arbeit im Operationssaal oder für medizinische Notfälle trainiert würden, die im Ausbildungsalltag allenfalls theoretisch vermittelt werden könnten.
Einige Fachtagsbesucher nutzten die Gelegenheit, um den ausgestellten Pflegeroboter auszuprobieren.Caritas | Nicola van Bonn
Modellprojekt zum Einsatz assistiver Technik
Auf großes Interesse stieß der Praxisbericht der Sozialwerk St. Georg gGmbH, die im Verbund mit zehn weiteren Unternehmen der Sozialwirtschaft in Nordrhein-Westfalen und mit zwei Hochschulen zwei Jahre lang den Einsatz assistiver, heißt unterstützender Technik in der Eingliederungshilfe testet. Schon jetzt zeigt sich, dass Teilhabe und Selbstbestimmung der Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, gestärkt werden. Unklar bleibt jedoch, ob diese Technik auch nach Ablauf des Projekts durch die Kostenträger regelhaft finanziert werden kann.
KI-Verordnung zwischen Regulierung und Innovationsförderung
Patrick Aurin von der Bundesnetzagentur in Bonn beschrieb auf der Grundlage der KI-Verordnung der Europäischen Union einen klaren Orientierungsrahmen für die Anwendung von KI: Welche Anwendungsfälle bergen Risiken? Wie kann ich in meinem Unternehmen KI-Kompetenz aufbauen und fördern? Welche Transparenz- und Kennzeichnungspflichten gelten? Die KI-Verordnung solle jedoch nicht nur regulieren, sondern auch Innovationen fördern, betonte Aurin.
Die Uni-Klinik Essen auf dem Weg zum "Smart Hospital"
Wie solche Innovationen aussehen können, demonstrierten Dr. Dominik Bures und Elisabeth Liebert von der Stabsstelle Digitale Transformation im Universitätsklinikum Essen. Zum Beispiel ist eine App in Entwicklung, die Patientinnen und Patienten durch ihren Aufenthalt in der Klinik begleiten soll. Dort sind dann Fragebögen, Checklisten, Arztbriefe, Röntgenbilder und ähnliches abrufbar. Auch in der Medizin helfe KI dabei, Therapie und Diagnosen zu verbessern, so Bures. Ein KI-gestütztes Bildgebungsverfahren reduziert beispielsweise den Einsatz von Kontrastmitteln bei Herzkatheter-Untersuchungen.
Bei allen technischen Neuerungen müssten ethische Fragen jedoch von vornherein mitgedacht und beantwortet werden, betonte Liebert. Dann gewinne man auch das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer und die Bereitschaft, sich für technische Innovationen zu öffnen. Deshalb habe die Uni-Klinik Essen unterschiedliche Dialog- und Schulungsformate eingeführt, um sowohl Mitarbeitende als auch Patientinnen und Patienten einzubeziehen. Damit auch andere Krankenhäuser von den Erkenntnissen der Essener Uni-Klinik profitieren können, hat die Stabsstelle Digitale Transformation einen "Smart-Hospital-Check" entwickelt. Der Test gibt Aufschluss darüber, welche Voraussetzungen für den digitalen Wandel bereits erfüllt sind und was die nächsten Schritte auf dem Weg zum Smart Hospital sind.
Beim Abschluss-Podium waren sich die Referentinnen und Referenten einig, dass es mehr Vernetzung und Dialog brauche, um effizienter an KI-Kompetenz und innovativen technischen Lösungen in der Sozialwirtschaft zu arbeiten. Angebote für einen regelmäßigen Austausch könnten auch Unschlüssige überzeugen. Es sei an der Zeit, Wissen zu bündeln und vom Reden ins Tun zu kommen. "Probiert KI aus! Schult Eure Mitarbeitenden!", machte Prof. Assadollahi den Anwesenden Mut.