Hagen-Dahl wurde von der Volme geflutet. Im Wasser schossen nicht nur Autos, sondern auch ein Gas-Tank aus Lüdenscheid durch die Stadt. Sandra Schnell | privat
Auch in Hagen ist die Not der Menschen nach der Flutkatastrophe groß. Trotzdem scheuen sich viele Flutopfer davor, sich das einzugestehen. Ein Gespräch mit Julia Schröder, die für die Caritas Hagen die Fluthilfen koordiniert.
Frau Schröder, die Caritas ist in Hagen mit 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mitten in der Gesellschaft verwurzelt. Wie ist, knapp zwei Wochen nach der Flutkatastrophe, die Stimmung in der Stadt?
Gut und schlecht zugleich. Einerseits ist da die Dankbarkeit wahnsinnig groß für die schnelle, meist unbürokratisch organisierte Hilfe bei den Aufräumarbeiten, wo über jegliche Grenzen hinweg sich gegenseitig geholfen wurde. Andererseits herrscht Frust, weil viele den Eindruck haben, dass es jetzt schon wieder ausgerechnet Hagen getroffen hat.
Wieso schon wieder?
Hagen war und ist eine der von Corona am stärksten betroffenen Städte in Deutschland. Viele Menschen mussten in Kurzarbeit oder wurden arbeitslos. Die Reserven waren sowieso schon bei vielen aufgebraucht. Alle dachten, es ginge so langsam wieder bergauf. Dann kam das Wasser, und alle Hoffnung war wieder dahin. Hinzu kommt, dass es gerade auf das Ende des Monats zugeht, da haben viele der Menschen, um die wir uns kümmern, auch ohne Corona oder Flut kaum noch Geld.
Klingt so, als ob Sie derzeit kein Problem hätten die Bargeldhilfen der Caritas auszuzahlen.
Könnte man meinen. Überraschenderweise ist dem nicht so. Viele Menschen scheuen sich, diese in Anspruch zu nehmen, und sagen: "Anderen geht es doch noch viel schlechter als uns." Das stimmt zwar, denn zum Glück ist in Hagen niemand in den Wassermassen ums Leben gekommen. Wie groß die Not dennoch ist, sehen sie allein daran, dass man im Stadtbild Menschen sieht, die in dem vom Schlamm verschmierten Sperrmüll aus den überschwemmten Kellern nach Dingen suchen, die man noch zu Geld machen kann. Sie dürfen nicht vergessen, dass hier in manchen Vierteln 60 Prozent der Kinder unterhalb der Armutsgrenze leben.
Und wie erreicht man diese Menschen, damit die Hilfen in Anspruch genommen werden?
Durch unsere alltägliche Arbeit wissen wir ganz genau, wer welche Hilfen benötigt. Kinderkrankenschwestern, die sozial schwache Familien betreuen, helfen jetzt schon von der Flut betroffenen Familien bei der Suche nach neuen Wohnungen, manchmal stellen wir als Verband auch direkt Wohnraum zur Verfügung. Auch über unsere Migrationsdienste sind wir gut vernetzt und wissen, wer welche Hilfe benötigt. Hinzu kommt, dass wir über die in Hagen sehr aktiven Pfarr-Caritas-Initiativen rund 300 Ehrenamtliche haben, die bestens informiert sind, wer jetzt was braucht.
Haben Sie eine Erklärung dafür, warum viele Betroffene noch nicht von sich aus an die Caritas herangetreten sind und um Hilfe gebeten haben?
Noch sind viele der Flutopfer noch gar nicht in ihre Wohnungen zurückgekehrt, sondern leben noch bei Freunden und Verwandten. Andere haben die Hoffnung, dass sich die Waschmaschine im Keller doch noch irgendwie reparieren lässt, bevor sie uns fragen. Spätestens wenn Mitte August die Schule wieder beginnt, werden wir aber über unsere Nachmittagsbetreuungen ziemlich genau wissen, wo noch Bedarf ist. So oder so bin ich mir sicher, dass wir im Rahmen der Flutkatastrophe mindestens noch ein, zwei Jahre Hilfen leisten werden. Um genau sagen zu können, wie die ausschauen werden, ist es jetzt allerdings noch zu früh.
Sven Recker