Allein in Bochum haben die rund 90 ehrenamtlichen Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger im vergangenen Jahr wieder mehr als 12.000 Anrufe entgegengenommen, während am Silvesterabend anderenorts Sektkorken und Böller knallten. Auch in der Neujahrsnacht standen sie Rat- und Hilfesuchenden zur Verfügung. Gerade Themen wie Einsamkeit, Trennungen oder die ersten Weihnachts- und Silvesterfeste ohne die verstorbene Partnerin oder den verstorbenen Partner seien in diesen Tagen häufige Gesprächsanlässe, weiß Ludger Storch, der Leiter der Bochumer Telefonseelsorge.
Suizidgefahr ist im Frühjahr am höchsten
Mit konkreten Suizidgedanken oder -absichten seien die Telefonseelorgenden indes häufiger im Frühjahr konfrontiert, so Storchs Erfahrung. In der aktuellen Weihnachts- und Winterzeit sind auch viele psychisch labile Menschen zum Beispiel in familiäre Feiern oder Treffen von Freundeskreisen integriert. Gerade im Frühjahr, wenn das Wetter schön ist und aktive Menschen in den Garten, zu Ausflügen oder in den Urlaub starten, wird psychisch kranken oder anderweitig eingeschränkten Menschen der Unterschied zwischen ihrer eigenen Situation und der von Menschen, denen es vermeintlich besser geht, besonders deutlich bewusst. Die Ursachen für dieses Phänomen sind bislang nicht endgültig geklärt, beobachtet wird es aber bereits seit mehr als 100 Jahren, heißt es bei der Telefonseelsorge. Umso wichtiger sei es, an Depressionen erkrankte Menschen und Menschen in seelischen Notlagen in dieser Zeit besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Immer mehr Beratungen per Chat
Storch berichtet zudem, dass neben der Betreuung am Telefon immer mehr Menschen auch per Online-Chat Kontakt zur Bochumer Telefonseelsorge suchen. Mehr als 500 Chat-Kontakte habe es im Jahr 2025 gegeben - hinzu kamen über 400 Gespräche in der Bochumer Krisenberatungsstelle Prisma. Neben der persönlichen Beratung von Menschen mit Suizidgedanken und deren Angehörigen berät und informiert Prisma auch Gemeindegruppen, Teams im Gesundheitswesen und in Seelsorge- und Beratungsdiensten zur Suizidprävention.
Künstliche Intelligenz rät: Wenden Sie sich an die Telefonseelsorge!
Egal ob Telefon, Chat oder persönlicher Kontakt - eine Bemerkung hörten die Telefonseelsorgenden inzwischen immer wieder: "Immer häufiger sagen unsere Gesprächspartnerinnen und -partner, dass ihnen eine Künstliche-Intelligenz-Anwendung empfohlen habe, sich an die Telefonseelsorge zu wenden." Offenbar fragen immer mehr Ratsuchende in seelischen Notlagen auch ChatGPT & Co um Hilfe. Und während es in den vergangenen Monaten mehrfach Berichte über US-amerikanische Eltern gab, die den Entwickler-Firmen von KI-Chat-Bots vorwerfen, ihre Kinder beim Suizid unterstützt zu haben, hören die Telefonseelsorgenden in Bochum nun auch von anderen Erfahrungen mit künstlicher Intelligenz. Sie hören von KI, die seelische Probleme erkennt und dann rechtzeitig an qualifizierte Profis verweist - und vor allem an echte Menschen. (Thomes Rünker)
Zur Person:
Ludger Storch wurde jüngst von den Mitgliedern des ökumenischen Vereins Telefonseelsorge Deutschland zum neuen, katholischen Vorsitzenden des bundesweiten Zusammenschlusses der über 100 Telefonseelsorgestellen gewählt. Er will das bundesweite Angebot zukunftsfest machen. "Die Telefonseelsorge steht vor wichtigen Schritten, die wir nur gemeinsam gehen können", betonte Storch, der auch Beauftragter für die Telefonseelsorge im Bistum Essen ist, nach seiner Wahl. "Wir wollen fachliche, organisatorische und strukturelle Entwicklungen so voranbringen, dass Menschen uns auch künftig in Krisen zuverlässig erreichen."
Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit dank ehrenamtlichem Engagement
Dank eines ehrenamtlichen Schichtdienstes ist die Telefonseelsorge ganzjährig rund um die Uhr erreichbar. Wer bei der Telefonseelsorge mitmachen möchte, kann sich im Bistum Essen direkt an die Telefonseelsorge-Stellen in Duisburg (auch für Mülheim und Oberhausen), Bochum (auch für Hattingen und Witten), Essen (auch für Bottrop, Gelsenkirchen und Gladbeck) und Hagen-Mark (für den Ennepe-Ruhr- und Märkischen Kreis) wenden.
Ökumenisches Engagement in über 100 Städten bundesweit
Die Telefonseelsorge ist in über 100 Städten deutschlandweit flächendeckend tätig. Ehren- und hauptamtlich Mitarbeitende stehen ganzjährig rund um die Uhr am Telefon zur Verfügung. Alle Beratungsangebote, also Telefon, Chat- und E-Mail sowie die Vorort-Beratung, sind anonym und kostenfrei. Wie in Bochum gibt es bundesweit an insgesamt 25 Standorten auch Beratung vor Ort.
Mit der kostenlosen App "KrisenKompass" bietet die Telefonseelsorge auch Hilfe zur Selbsthilfe bei depressiven Gefühlen und Suizidgedanken für Betroffene und Angehörige. Durch die Unterstützung der Deutschen Telekom sind die Telefonnummern 0800/1110111 und 0800/1110222 gebührenfrei erreichbar. Die Telefonseelsorge Deutschland ist ein ökumenischer Verein, der von den beiden großen Konfessionen getragen wird.